Flucht aus dem „Gänseklein“
Erika Pullwitts Roman über das Leben mit einem Aphasiker
Eine Flucht in ein anderes Leben kam für Erika Pullwitt nicht in Frage.
Als ihr Mann vor zwanzig Jahren an Aphasie in Folge eines Schlaganfalls erkrankte, musste sie mit einem völlig veränderten Alltag zurechtzukommen. Nicht nur ihr Mann musste lernen mit dem Sprachverlust zu leben. Sie musste sich tief in ihn hineinversetzen, um sich mit ihm verständigen zu können. Für ihre Bedürfnisse blieb kein Raum.
So geht es auch der Protagonistin in Erika Pullwitts Roman „Im Lande Gänseklein“: Karin will sich an der Nordsee vom aufreibenden Alltag erholen und entdeckt eine Welt, die die Mittsechzigerin praktisch vergessen hatte: intensive Gespräche, gemeinsame Unternehmungen, Zärtlichkeiten und Sex. Wie kehrt man nach dieser Auszeit in sein „altes“ Leben zurück?
Erika Pullwitt kennt viele Frauen, die ihren erkrankten Partner verlassen haben. Selten wurde ihnen dafür Verständnis und Unterstützung vom sozialen Umfeld entgegengebracht. Das Recht auf ein eigenes Leben wird in solchen Fällen kaum anerkannt.
Erika Pullwitt ist bei ihrem Mann geblieben, weil er seit der Schulzeit ihre große Liebe ist. Zwar platzte der Schlaganfall damals mitten in eine Beziehungskrise, aber mittlerweile hat sie ihre Situation akzeptiert.
Sie ist stolz, dass sich ihr Mann eine gewisse Selbstständigkeit erarbeitet hat. Das Auseinandersetzen mit Literatur gelingt ihm leider nicht mehr. Für sie aber ist das Schreiben eine „Auszeit anderer Art“.
Aktualisiert am 1. März 2010
Ich habe das Buch von Frau Pullwitt noch nicht gelesen, kenne aber ihren Beitrag aus dem Buch \Von Aphasie mitbetroffen\ von Jürgen Steiner (Hg.). Wir haben letzteren in einer Gruppe Angehöriger von Aphasikern besprochen und waren sehr bewegt. Obwohl aus völlig unterschiedlichen Lebenssituationen kommend konnten sich die Teilnehmerinnen stark mit Frau Pullwitts Situation identifizieren. Mir hat besonders ihre klare und sachliche Sprache gefallen, darin lag auch eine große Aufrichtigkeit. Ich habe hauptberuflich als Pädagogische Beraterin und Gruppenleiterin mit Aphasikern und ihren Angehörigen zu tun und erlebe, dass Angehörige durch die Sprachlosigkeit der Partnerin / des Partners in einem totalen Ausnahmezustand leben, einer fast schizophrenen Situation, die zu versprachlichen ungemein schwer ist. Frau Pullwitt ist dieser sprachliche Ausdruck gelungen und ich freue mich darauf, ihr Buch lesen zu können. Vielen Dank für die Veröffentlichung!
Ich kenne Frau Pullwitt seit 2002 persönlich als sich auch mein Leben durch den Schlaganfall meines damaligen Mannes schlagartig veränderte. Dem Erscheinen dieses Buches habe ich mit entgegen gefiebert und durfte es auch schon lesen. Meines Erachtens gibt es kein ähnliches Buch in der belletristischen Bearbeitung, welches die Komplexität des Zusammenlebens mit dem an Aphasie chronisch erkrankten Partners aus Sicht des „gesunden“ Partners in so leicht verständlicher Form gelungen vermittelt und mit dem sich wirklich die Mitbetroffenen identifizieren können. Frau Pullwitt hat mich mit ihrem Buch „Im Lande Gänseklein“ erreicht und wird noch viele weitere Leser/innen erreichen können. Es ist absolut offen und ehrlich geschrieben von einer starken, sprachgesunden Persönlichkeit. Es zeigt die moralische Zwickmühle auf, in der sich Mitbetroffene befinden, wenn sie ein „bisschen egoistisch“ sind, welche ja aber nur durch durch Unwissenheit, Unsicherheiten und Unverständnis im – selbst engsten – Umfeld entstehen kann. Wenn der Weg zum Helfen aber nur über das Verstehen führt, dann wird dieses Buch dazu beitragen, von Aphasie betroffene Familien aus der Isolation heraus zu holen und sie in Zukunft besser am gesellschaftlichen Leben mit teilhaben zu lassen. Fachliteratur ist immer Latein, dieses Buch ist „auf deutsch“ geschrieben und ich kann es nur Jedem empfehlen, der in irgendeiner Weise betroffen, mitbetroffen oder einfach interessiert ist. Frau Pullwitt macht mit ihrem Buch Betroffenen und Mitbetroffenen Mut, die Herausforderung „Leben mit Aphasie“ anzunehmen. Liebe Erika, Gratulation und Dank und wir sehen uns zur Leipziger Buchmesse!